Echtes Mädesüß – Filipendula ulmaria

Ab Anfang Juni bis Ende August findet man das Mädesüß an vielen Ufern unserer Bäche und Flüsse. Es ist eine sehr alte Heilpflanze und soll schon von den Germanen als heiliges Kraut verehrt worden sein. Der Name hat nichts mit einem süßen Mädchen zu tun, sondern es wurden mit ihm Getränke aromatisiert und haltbar gemacht, z.B. der Met.

Einen großen Stellenwert nimmt es bei mir in der Naturheilkunde, bzw. Volksheilkunde ein. Das Mädesüß enthält u.a. Salicylsäureverbindungen. Chemisch synthetisierte Salicylsäure findet sich in vielen Schmerzmitteln, z.B. Acetylsalicylsäure im Aspirin. Die Grundsubstanz Acetyl-Spiräein-Säure von Aspirin wurde früher aus dem Mädesüß gewonnen. Salizylsäure wirkt schmerzlindernd, entzündungshemmend und allgemein antimikrobiell. Diese alte Heilpflanze ist ein sehr gutes Mittel bei chronischem und akutem Gelenksrheumatismus und Arthritis, wie auch bei Ischiasproblemen. Es hat mir und meiner Familie auch wunderbar bei allen Erkältungskrankheiten (Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, Fieber) geholfen. In meiner Praxis rate ich, neben der Anwendung als Tee, auch zu einer Filipendula Urtinktur, z.B. v. Fa Ceres. Bei einer Überempfindlichkeit auf Salicylate (z.B. Bronchialasthma) sollte man auf eine Behandlung mit Mädesüß verzichten.

Doch nicht nur auf körperlicher Ebene wirkt das Mädesüß heilsam. Der Duft hat eine besondere Kraft. Dies beschreibt die nun folgende Geschichte. Ich schrieb sie vor Jahren im Aufseßtal, neben mir und um mich herum, das Mädesüß. Hörte ihm zu uns schrieb. Nach der Geschichte findet ihr noch mehr über diese ganz bestimmte Wirkung.


Loslassen

Der Weg war anstrengend. Doch bald würde er den Gipfel erreicht haben. Die Julisonne brannte unbarmherzig. „Verrückt“, dachte er: „Die ganze Idee war verrückt. Das alles nur wegen Hanna.“ Hannas ganze Schuld war, dass sie ihn verlassen hatte. Einfach so, ohne Vorankündigung. Es gäbe einen anderen Mann in ihrem Leben. Sie liebe ihn nicht mehr und außerdem würde er es eh´ zu nichts bringen. Jetzt war sie mit dem Neuen auf Segeltour, selbstverständlich mit eigenem Segelboot. Er konnte nur Boote aus Holz schnitzen. Auch wenn seine Freunde ihn versuchten damit zu trösten, dass Hanna nie zu ihm gepasst hätte und er eigentlich froh sein könnte: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende usw.. Es tat ihm trotzdem weh, unerträglich weh!

Deswegen war er jetzt hier. Wanderte ziellos umher, schlief im Freien oder in irgendwelchen Gasthäusern. Wollte mit niemandem sprechen, wollte nur seine Ruhe und war doch in dieser selbst gewählten Ruhe kreuzunglücklich. Seine Gedanken drehten sich nur um Hanna und was er ohne sie mit seinem Leben anfangen sollte. Eigentlich wollte er sich in diesen drei Urlaubswochen wieder finden, hatte aber das Gefühl sich immer mehr zu verlieren. Hanna und ihr Neuer – an nichts anderes konnte er denken. Natürlich könnte er diesen ganzen Wanderquatsch abbrechen, sich in der nächsten Ortschaft in einen Bus setzen und nach Hause fahren, aber was dann? Er konnte keine gut gemeinten Ratschläge mehr hören.

So anstrengend hatte er sich diesen Weg nicht vorgestellt. Leichter Anstieg war im Wanderführen gestanden. „Von wegen leichter Aufstieg“ dachte er: „oder habe ich mich verlaufen?“ Dann plötzlich stand er auf dem Gipfel. „Endlich!“ schnaufte er: „Eine tolle Aussicht ist das hier. Hat sich doch gelohnt!“ Weit unten sah er einen Talkessel liegen. Ein schimmernder kleiner Fluss mäanderte durch die Landschaft. „Moment mal“, Mark zog überrascht die Augenbrauen hoch. Verblüfft sah er sich um. Tatsächlich war er höher gestiegen als es möglich war. Hier gab es nicht einmal mehr Bäume. Er war so mit seinem „Hannaproblem“ beschäftigt gewesen, dass er nichts anderes hatte wahrnehmen können. Keinen Blick hatte er für die wunderbare Natur um sich herum gehabt und um so mehr war er nun verwundert, was er sah. „Aber das kann nicht sein!“, sage er laut: „Die Fränkische Schweiz ist ein Mittelgebirge. So hohe Berge kann es hier nicht geben.“ Dann entdeckte er einen steilen, engen Pfad der abwärts in das malerische Tal führte. Er setzte seinen Rucksack auf den Boden und holte die Wanderkarte heraus. Weder dieser hohe Berg noch das Tal unter ihm war in ihr verzeichnet. Er suchte sein Handy – „Mist, Funkloch“, stöhnte Mark. Das wiederum war in dieser Gegend fast schon normal. Sollte er versuchen in das Tal zu gelangen, fragte er sich? „Was soll´s wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ gab er sich selbst die Antwort und machte sich auf den Weg nach unten.

Der Weg schien sich, was eigentlich nicht möglich war, wie eine Spirale abwärts zu schrauben. Es war als würde er Meter für Meter eine andere Welt betreten. Erst am späten Nachmittag erreichte er die Talsohle. Er drehte sich noch einmal nach dem Weg um und stellte verwundert fest dass er den Spiralweg nicht sehen konnte, nur ein enger Pfad führte den Berg hoch. „Sonderbar, wo bin ich hier nur gelandet?“, fragte er sich. Das Tal war wunderschön. Es wurde von einem Mischwald umsäumt. Hohe Fichten und Kiefern, alte knorrige Eichen, Ahornbäume und ausladende Buchen. Verblühte Holunder standen zwischen Schlehen-, Weißdorn-, Rosen- und Hartriegelhecken. Ein kleiner, mit grünlich schimmernden Kieselsteinen bestreuter Weg führte kurvenreich zum nah gelegenen Flussufer. Verwundert sah Mark, dass der Kieselweg rechts und links am Rand mit rötlichen Steinen begrenzt war. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das musste doch jemand so angelegt haben. „Wirklich hübsch“, dachte er: „sieht aus wie ein Pflanzenstängel der rötlich überlaufen ist.“ Vorsichtig betrat er den Weg und lief zu dem kleinen Fluss.

Der Weg endete mitten in einem Feld voller weiß blühender und betörend duftender Blumen, die das Flußufer umsäumten. Am Rande des Feldes, nahe am Ufer fand er eine Stelle, die sich gut zum Übernachten eignete. Hier wollte er sein Nachtlager aufschlagen und müde setzte er sich. Die Ruhe war herrlich, nur Vogelgezwitscher und das Gurgeln des Flusses unterbrach sie. Blaue Libellen schwirrten glitzernd in der Abendsonne. Er hatte einmal gelesen, dass diese Tiere die meiste Zeit ihres Lebens als Larven im Wasser verbrachten. Nur ein Jahr lebten sie in ihren Libellenkörper. Aber in diesen einen Jahr waren sie die pure Energie und von einer unbeschreiblichen Schönheit. So ruhig und zufrieden war er schon lange nicht mehr gewesen. Selbst der Gedanke an Hanna schmerzte fast nicht mehr. Als hätte sie etwas in den Hintergrund gedrängt. Die Blumen neben ihm strahlten Wärme, aber auch Frische aus. Ihr warmer Duft war berauschend und machte ihn trotzdem offen und frei. Er pflückte eines dieser Kräuter um es genauer zu betrachten. Wann nahm man sich dafür schon Zeit? Der hohle Stängel war rot überlaufen und erinnerte ihn an den seltsamen Kieselweg mit den grünen und roten Steinen. Die dunkelgrünen gefiederten Blätter glänzten an der Oberseite und waren unten mit feinem, weißen Flaum bewachsen. Auch hatten die Blätter direkt am Stängel unter ihnen nochmals kleine Blättchen. Die vielen, kleinen honigfarbenen Blüten dufteten aromatisch süß und etwas nach Bittermandeln. Nicht aufgeblüht wirkten sie wie winzige Schneebälle.

„Es ist wunderschön, oder?“. Mark sah überrascht auf und bemerkte, dass eine junge, seltsame Frau neben ihm im Gras saß. Er hatte ihr Kommen nicht bemerkt. Sie trug ein grünes langes Kleid mit roten Bündchen, hatte sehr helle Augen und honigfarbenes, langes Haar. Ruhig sah sie ihn an. „Ja!“, antwortete er: „Was ist das?“, und war über sich selbst erstaunt. „Eine Heilpflanze.“, erklärte sie ihm schlicht. „Was heilt sie?“, wollte er wissen und dachte gleichzeitig: „Was für ein seltsames Gespräch, wenn man sich noch nicht einmal kennt. Woher kommt sie? Wer ist sie?“. Dies fragte er sie jedoch nicht. Alles kam ihm so unwirklich vor und trotzdem war er sich völlig sicher, dass er wach war. Hellwach und klar! Die Frau schmunzelte: „Im Moment heilt sie deinen Kummer. Schau, wie viele kleine Käfer auf ihr leben, sieh die vielen Bienen und Fliegen die sie besuchen.“ Mark war verwundert: „ Was wusste diese Frau von seinem Kummer?“ Obwohl er die Frage nicht ausgesprochen hatte, beantwortete sie sie ihm. „ Es muss einen Grund geben, der dich in das Mädesüßtal geführt hat. Schmerzen oder Fieber hast du nicht. Dein Körper ist jung und gesund. Doch du hast oder hattest großen Kummer, aber er ist sicher nun nicht mehr so schmerzlich für dich.“ „Ja!“ bestätigte Mark, „Ich habe Probleme, die mich ziemlich fertig machen. Aber ich will darüber nicht sprechen. Damit bin ich schon zu vielen Menschen auf die Nerven gegangen.“. Er wollte noch fragen, woher sie dies wisse. Aber auch das kam ihm nicht über die Lippen. Wieder lächelte sie ihn an und fragte: „Aber wie geht es Dir jetzt? Ist dein Schmerz noch so heftig wie heute Morgen?“. Verblüfft spürte er, dass der Gedanke an Hanna nicht mehr so schmerzhaft war. Es fühlte sich an, als ob sich etwas lösen würde.“Es geht mir jetzt wirklich viel besser.“,bestätigte er. Er sah die duftende Blume in seiner Hand und nahm den kräftigen Duft wahr. „Willst du mir erklären, dass diese Pflanze, wie heißt sie?“, fragte er. „Mädesüß“, antwortete sie. „Also, willst du mir sagen, dass das Mädesüß mich von meinem Kummer heilt?“. „Nein, so einfach geht das nicht. Es liegt auch an dir. Weißt du, Selbstmitleid hilft nicht weiter. Das Leben ist wie dieser kleine Fluss – wie Wasser. Steht es still, wird es modrig, kippt um. Manchmal braucht man aber etwas oder jemanden der einen verstopften Zu- oder Abfluss wieder öffnet. Dann kann das Wasser fließen.“. „Soll das heißen, das Mädesüß hat mich irgendwie geöffnet?“, wollte er wissen. „Wenn man es braucht und dafür bereit ist, kann es öffnen.“, nickte sie.

Toni roch an der Blüte in seiner Hand und genoss ihren Duft. Er schnüffelte auch an den eigenartigen Blättern der Pflanze und rümpfte die Nase. Sie lachte: „Die Blätter sind für andere Krankheiten. Du brauchst sie im Moment nicht. Aber es wird bald dunkel sein und du solltest schlafen.“ Sie erhob sich, beugte sich über ihn und küsste ihn auf seine Stirn. Er fühlt sich von einer klaren, kühlen Wärme durchströmt. „Gibt es das überhaupt? Ich habe noch so viele Fragen.“ dachte er und schlief ein.

Vogelgezwitscher weckte ihn am anderen Morgen. Er wusch sich im Fluss. Durstig trank er aus seiner Feldflasche. Das Wasser, obwohl vom Vortag schmeckte herrlich und er entdeckte lächelnd Mädesüßblüten im Wasser schwimmen. Von der jungen Frau, deren Namen er nicht einmal kannte, war keine Spur zu entdecken. Er wusste aber irgendwie, dass er jetzt nicht nach ihr rufen durfte. Hungrig aß er seinen Proviant , hatte er doch gestern Abend weder gegessen noch getrunken. Packte seinen Rucksack, roch noch einmal an den Mädesüßblüten, bedankte sich und macht sich auf den Rückweg.

Den grün-rot überlaufenen Kieselweg entlang, den engen Gebirgspfad, der sich sobald man ihn betrat nach oben schraubte, hoch. Am Gipfel angekommen sah er zurück ins Mädesüßtal und bedankte sich noch einmal. Er lief den Berg hinab ins Dorf zurück.

Er fühlte sich frei, glücklich und genoss jeden Augenblick.


Mädesüß

Hier ist es nun doch, das junge Mädchen, die junge Frau Mädesüß! Der Duft des Mädesüß, wie auch eine Räucherung mit dem Kraut, hilft uns Altes loszulassen und wieder neu anzufangen. Wir erkennen, dass ein Neubeginn nur dann erfüllt und gut werden kann, wenn auch Platz dafür ist. Es unterstützt uns alte Verhärtungen abzubauen, öffnet unsere verkrusteten Zu-, und Abflüsse und lässt uns in Fluss kommen. Der Duft und der Rauch des Mädesüß fördert auch unsere Intuition und unser Traumbewusstsein.

Mehr könnt Ihr bei einer meiner Wildkräuterexkursionen oder bei einem Räucherseminar erfahren!

Euch weiterhin einen schönen Sommer! Eure Kathrin

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